E-Mail: sophie.spallinger@uni-mainz.de
Tel.: +49 6131 39-31773

Institut für Film-, Theater-, Medien- und Kulturwissenschaft
Medienkulturwissenschaft
Jakob-Welder-Weg 18
55128 Mainz

Philosophicum I, 3. OG
Raum 03-544

Sophie Spallinger studierte von 2013 bis 2017 Medienwissenschaften an der Bauhaus-Universität Weimar. Von 2015 bis 2016 war sie als studentische Hilfskraft für die Juniorprofessur »Bildtheorie mit Schwerpunkt Bewegtbildforschung« tätig. Von 2017-2020 absolvierte sie den Masterstudiengang Mediendramaturgie mit Schwerpunkt Filmwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und war von 2018-2020 wissenschaftliche Hilfskraft an der Professur Medienkulturwissenschaft. Seit 2021 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Medienkulturwissenschaft am Institut für Film-, Theater-, Medien- und Kulturwissenschaft. Sie forscht im Teilprojekt C04 des SFB 1482 »Humandifferenzierung« zu Sicherheit, Überwachung und Kontrolle gegenwärtiger Bahnhofsinfrastrukturen in Deutschland und den USA und arbeitet an einer Dissertation zu Überwachungsregimen unter Testbedingungen und zu Medialität der Bahnhofsinfrastruktur.

Forschungsschwerpunkte

  • Medientheorie und Medienarchäologie
  • Zeugenschaft von Bewegtbildern
  • Geschichte und Theorie des frühen Films
  • Medien und Praktiken der Überwachung
  • Kulturtechnik des Testens


Promotionsprojekt »Überwachung unter Testbedingungen. Eine medienkulturwissenschaftliche Infrastrukturanalyse des digitalisierten Bahnhofs« (AT)

Die Dissertation untersucht den digitalisierten Personenbahnhof als urbanes Kontrollregime und Labor von realweltlichen Tests der Überwachung. In einer medienkulturwissenschaftlichen Infrastrukturanalyse widmet sich die Arbeit der Medialität und Infrastrukturierung von gegenwärtigen Pilotprojekten an „Sicherheitsbahnhöfen“ in Berlin, Hamburg und Mannheim seit 2017 und analysiert ihre Praktiken sie als Kulturtechnik des Testens.

Seit ihren Anfängen sind Bahnhöfe öffentliche Orte hoher Mobilität, an denen sich Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten, Geschlechter, Professionen und Herkünfte vermischen. Generelles Dilemma des Bahnhofs ist dabei seine Position zwischen Durchgangspassage und Aufenthaltsorts. Um einen reibungslosen Bahnhofsbetrieb sicherzustellen und einen Zustand der Unordnung zu verhindern, etablieren sich Prozeduren des Sortierens und Regulierens von Menschenmengen, weshalb Bahnhöfe als Infrastrukturen der Kontrolle und Kategorisierung von Menschen zu begreifen sind. Hierbei operieren personale Akteure, Architekturen, zeichenhafte Elemente und Informationstechnologien als komplexes Entanglement, welches die Personenströme adressiert und informiert, leitet und steuert, aber auch überwacht und differenziert. 

Im Zuge der Digitalisierung, polarisierter Sicherheitsdebatten und den daraus folgenden Ansätzen des predictive policingwird der Bahnhof vermehrt zum Ort eines real-world testings in dem v.a. (algorithmische) Überwachungstechnologien erprobt wird und menschliches Verhalten prüft sowie normiert. Der Fokus auf Deutschland ist deshalb interessant, da die strengen Datenschutzgesetze den Einsatz von KI-Technologien (Gesichts- und Verhaltenserkennung) im öffentlichen Raum bisher nur in Testkonstellationen zulassen. Vor diesem Hintergrund sind solche Tests stets ein Feld intensiver Aushandlung auf parlamentarischer, zivilgesellschaftlicher und massenmedialer Ebene.

Der medienkulturwissenschaftliche und medienethnografische Zugriff auf die Tests als Kontroverse und auf das Testen als relationale Praxis ermöglicht es erstens, das komplexe Akteur-Netzwerk offenzulegen, zweitens die Bedingungen und Störungen der Technologien explizit zu machen und drittens oft unsichtbare Aspekte der Infrastrukturierung, Environmentalisierung und Prozesse der Gewöhnung der Systeme dazustellen. Die These der Arbeit lautet, dass der Bahnhof als soziotechnisch-diskursive Infrastruktur zu einem Testfeld von Sicherheitsmaßnahmen und Überwachungstechnologien wird. Dadurch werden die Regulierungsarbeiten, die Unterscheidungen zwischen Menschen und Sortierungsprozesse am Bahnhof sichtbar, problematisiert, verfestigt, aber auch gestört. Ziel der Arbeit ist es aufzuzeigen, inwieweit die Tests den zeitgenössischen Bahnhof mit Überwachungstechnologien anreichern und ihn als Kontrollregime aktualisieren, verdichten und verkomplizieren. 

Die Studie leistet einen Beitrag zur medienkulturwissenschaftlichen Infrastrukturforschung und zur medienethnografischen Forschung über KI. Aus heterogenen Datentypen (Schriftliche Dokumente, Exper:innen-Interviews, Bildmaterial, dingliche Akteure, Informationssysteme) analysiert die Studie das sozio-technisch-diskursiveGeflecht aus Akteuren der Regulierung und Überwachung, das sich in den Anordnungen der Tests zeigt. Im Fokus steht ihre Inszenierung, Infrastrukturierung sowie ihre historische Gewordenheit. Im Kontext eines kritischen Überwachungsdiskurses befragt die Arbeit die Durchdringung der Bahnhofsinfrastruktur von Informations- und Überwachungssystemen nach den (Trainings-)Verfahren, Materialitäten und Technologien, die testweise unter Realbedingungen eingesetzt werden. Dabei spielen auch die damit einhergehenden Narrativen, Versprechen, soziotechnischen Imaginationen und Vorstellungen eine herausragende Rolle. Das Testverständnis der Arbeit geht über Fragen technischer Funktionalität hinaus. Muster devianten Verhaltens sind immer durch kulturell, politisch, sozial und historisch codierte Vorstellungen von Un/Sicherheit und Un/Ordnung informiert. Die Tests als mediale Konstellation begreifend, kommen dabei vor allem Aspekte des Performativen, der relationalen Agentivität und Formen der Störungen in den Blick.

Vor dem Hintergrund des Umweltlich-Werdens von Überwachung) wird am deutschen Beispiel des sogenannten Sicherheitsbahnhofs gezeigt, wie bestimmte Bahnhöfe je eigene Test-Geschichten anlagern. Während Pilotprojekte bestimmter Beschilderungs-Kampagnen und Sicherheits-Apps im Bereich des Affekts und Atmosphärischen operieren, stellen die Tests der Mustererkennungssysteme Fragen nach direkter Kontrolle, Evidenz und Machtverhältnissen. Mit Fokus auf ihr Nach- und Nebeneinander analysiert die Arbeit, wie sie Spuren hinterlassen, sich aufeinander beziehen und ein Archiv an Test-Geschichten erzeugen. Darüber hinaus werden Zusammenhänge zwischen Medien der Überwachung, Praktiken des Testens und dem Konzept der Humandifferenzierung (Hirschauer 2021), insbesondere Aspekte der Devianz, Marginalisierung und Ausschluss vulnerabler Gruppen, beleuchtet

Die Analyse folgt den Tests entlang ihrer prozessualen Logik in Phasen des Testens: der Demonstration, Implementierung und (Un-)Sichtbarkeit im Sinne ihrer Infrastrukturierung und untersucht deren praktische, institutionelle sowie mediale Voraussetzungen. Insbesondere die Praktiken des Inszenierens, Konstruierens und Normalisierens dienen als Analysehinsichten in Bezug auf die Test-Geschichten von Gesichts- und Verhaltenserkennung. Ausgehend von der wissenschaftshistorischen Dimension des Testens und rekurrierend auf Konzepte der Science and Technology Studies und der Kulturtechnikforschung erarbeitet die Studie genealogisch einen Beitrag zur Kulturtechnik des Testens.



Aufsätze

Schabacher, Gabriele/Sophie Spallinger (2025): »Human Activity Recognition. KI-basiertes Gatekeeping im öffentlichen Raum«, in: Franziska Reichenbecher und Gabriele Schabacher (Hg.): Medien des Gatekeeping. Akteure, Architekturen, Prozesse, Bielefeld: Transcript, S. 287-327. » PDF

Dizdar, Dilek/Gabriele Schabacher/Kaiko Lenhard/Sophie Spallinger/Tomasz Rozmyslowicz/Tom Ullrich (2025): »Passagiere und Geflüchtete. Semiotische und räumliche Personenlenkung am Berliner Hauptbahnhof 2022«, in: Stefan Hirschauer, Peter Hofmann, Anne Friedrichs und Gabriele Schabacher (Hg.): Humandifferenzierung im Vergleich, Weilerswist: Velbrück, S. 299-330. » PDF

Schabacher, Gabriele/Sophie Spallinger (2023): »Tests als Medien der Gewöhnung. Pilotversuche am Bahnhof«, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft 29, Schwerpunkt: Test, hg. v. Sebastian Gießmann und Carolin Gerlitz, S. 35-50. (peer review) » PDF

»Versammeln regulieren: Test-Geschichten am ›Sicherheitsbahnhof‹«. Vortrag auf der Jahreskonferenz zum Thema »versammeln« der Gesellschaft für Medienwissenschaft. Johannes Gutenberg-Universität Mainz, 25. – 28. September 2024.

»Devianz im ›Sicherheitsbahnhof‹: Medien der Verhaltensregulierung«. Vortrag auf der Jahreskonferenz zum Thema »Abhängigkeiten« der Gesellschaft für Medienwissenschaft. Universität Bonn, 27. – 30. September 2023.

»Regulierung am ›Sicherheitsbahnhof‹ (21. Jahrhundert)«. Vortrag beim Workshop »Infrastrukturen« des LOEWE-Schwerpunktes »Architekturen des Ordnens« an der Goethe-Universität Frankfurt, 6. Juli 2023.

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